Vom glücklich werden durch Selbstbetrug.

Eine kurze Anmerkung zu Beginn: Es ist spät und mich quält seit einigen Stunden wieder einmal die furchtbare Angst loszulassen. Das ist das Resümee des letzten Jahres. 

Ich bin Meisterin des Selbstbetrugs. Ich kann mich komplett aussichtslose Situationen noch schön rosig reden und gar nicht merken wie verfahren die Situation ist. Wenn ich will, dann schaffe ich es mich immer selbst zu Motivieren, denn Aufgeben gibt es nicht. Aufgeben hat immer etwas mit Verlieren zu tun.

Man resigniert in seinem Handeln, überdenkt alles noch einmal und kommt dann auf die richtige Lösung. Das ist erwachsenes Handeln: etwas Aufgeben um neue Dinge zu bekommen. Genau das kann ich nicht. Loslassen und Aufgeben sind für mich ein verlorener Krieg, meist ende ich dabei als Opfer. Opfer von mir selbst. Niemand tut mir etwas an, sondern nur ich. Für mich fühlt sich ein Moment des Aufgebens an als würde man mir ein Stück meines Körpers amputieren. Oder eine Sache aus meinen Händen reißen, die für mich die Welt bedeutet. Es löst in mir körperliche Schmerzen hervor. Mein Atmen schlägt in Panik um und Tränen fließen. Diese Momente unterdrücke ich wieder gekonnt mit meiner geheimen Superkraft: Ich bin Selbstbetrugs-Girl mit der Power des Sich Tatsachen schönredens. Doch gerade bin ich dabei etwas aufzugeben.

Aufgeben bereitet mir schlaflose Nächte, Leere im Magen, Panik im Herzen und viele trostlos vollgeschnäuzte Taschentücher. Oder der leere Blick an die Wand und das Gedankenkarussell.

 

Es hat mich über ein Jahr gekostet zu erkennen, dass ich hier nicht glücklich werden kann und es schon zu Beginn an nicht werden sollte. Ein mulmiges Gefühl führte mich in meine jetzige Stadt, aber immer mit der rosigen Brille des „Das schaffst du!“-Temperaments. Ich kann überall heimisch werden, dazu braucht es keine bestimmte Region. Heimat war für mich ein Konzept für Leute, die es nicht wagten einen Schritt vor die Haustür zu gehen. Einfach alles stehen und liegen lassen, die Zelte hinter einem abbrechen und weg sein. Mein Verständnis dafür bei seiner Familie zu bleiben, dort, wo man geboren ist, war gering. Seit Mai 2013 stieg aber das Gefühl der Heimatlosigkeit in mir auf, ich wurde unglücklich, machte mich unglücklich, vergiftete die Beziehung zu Menschen um mich herum, weil ich mir nicht eingestehen wollte, dass ich Heimweh hatte.

Ich kann mich noch gut an die letzten Tage in meiner alten Wohnung erinnern. Alles hat in mir geschrien, dass ich hier nicht weg sollte. Die Wände waren meine erste Selbstständigkeit, die Stadt war mir vertraut und hatte nicht nur schöne Zeiten erlebt. Diese gehörten aber dazu. Ich liebte es hier. Ich wusste schon damals, dass es falsch war wegzugehen. Aber meine Superkraft setze den Feind ’negative Gedanken‘ schachmatt und so zog ich weg. Mit dem mulmigen Gefühl des „Alles wird gut!“.

Heimweh fühlt sich so falsch und gleichzeitig so richtig an. Wie kann man denn mit 27 noch das Gefühl haben, dass man behütet an einen Ort zurückkehren will, den man seit Anbeginn seines Lebens kennt? Ich wollte mir nie eingestehen, dass ich Heimweh hatte. Niemand hat es erkannt und man deutete es als Unzufriedenheit, als Nörgeln an allem. Ja, das war ich auch: unzufrieden. Wenn du dich mit jeder Faser deines Körpers unwohl fühlst an einem Ort, der zum wohlfühlen gemacht ist, muss man wohl daran scheitern.

Es beginnt wie ein kleines Pochen im Inneren und wird immer stärker. Mein Selbstbetrug fing damit an mich gegen dieses Gefühl zu wehren, indem ich mich an einen Menschen klammerte, den ich schon vor einer Zeit hätte gehen lassen sollen. Er sollte für mich Heimat sein, die er aber mir nicht geben wollte oder konnte. Das weiß ich einfach nicht mehr. Ich vergiftete mich selbst und meine Umgebung mit meinem inneren Zwiespalt als Heimweh und der Angst aufzugeben. Als mir dann diese Grundlage des letzten Selbstbetrugs unter den Füßen weggerissen wurde, was sehr schmerzhaft war, aber auch gleichzeitig so nötig, fielen alle Bruchstücke auf mich herab. Das Pochen wurde zu einem Tosen und ich bekam keine Luft mehr. Ich war gezwungen mich mit mir selbst zu beschäftigen und endlich „loszulassen“.

Das tue ich gerade. Denn ich habe resigniert. Ich gehe weg und mache an anderer Stelle weiter, denn ich werde nicht an einem Ort glücklich, der nie für mich richtig war. Aufgeben fühlt sich dann nicht wie eine Niederlage an, sondern ist ein Sieg für mich.

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